Nach einem schweren Fahrradsturz ist eine Patientin kaum noch ansprechbar. Für den Rettungsdienst stellen sich sofort entscheidende Fragen: Gibt es wichtige Medikamente, Vorerkrankungen, Notfallkontakte oder sogar eine Patientenverfügung? Digitale Notfalllösungen wollen diese Lücke schließen – aber auf sehr unterschiedliche Weise.
Aktuell gibt es grob vier Gruppen von technischen Lösungen: Sperrbildschirm-Lösungen auf iPhone und Android, Wallet-/QR-Lösungen wie der ADAC-Notfallpass, Karten- und Online-Akten-Lösungen wie Nothilfesystem oder Notfall-ID sowie dokumentenorientierte Lösungen wie DGHS oder die ePA.
ADAC-Notfallpass
Der ADAC-Notfallpass ist als Wallet-Pass angelegt. Notfalldaten werden verschlüsselt in einen QR-Code eingebettet, der in Apple Wallet, Google Wallet oder einer kompatiblen Wallet-App gespeichert wird. Der ADAC beschreibt die Lösung ausdrücklich so, dass Rettungskräfte die Daten mit kompatibler Software auslesen und in ihre Systeme übernehmen können; zudem können Nutzer Hinweise auf Patientenverfügung, Vorsorgebevollmächtigte und den Ablageort solcher Dokumente hinterlegen. (ADAC)
Der Vorteil der ADAC-Lösung liegt damit klar in der rettungsdienstlichen IT-Integration und im geschützten Zugriffskonzept. Der Nachteil: Der ADAC beschreibt den Einsatz so, dass die betroffene Person ihr Smartphone entsperrt, die Wallet öffnet und den QR-Code bereithält. Für Situationen mit Bewusstlosigkeit ist das also nur eingeschränkt als Erstzugriffslösung geeignet. Auf den offiziellen ADAC-Seiten ist außerdem keine zusätzliche Karten- oder Druckvariante des Notfallpasses beschrieben; dokumentiert ist nur der Wallet-Pass mit automatisch aktualisiertem QR-Code. Das verbessert die Aktualität, lässt aber einen physischen Fallback bei leerem Akku oder fehlendem Smartphone offen. In der Lausitz unterstützen die Rettungsdienste dort bereits diese ADAC-Lösung.
iPhone Health-App und Android Notfallinformationen
Beim iPhone lässt sich der Notfallpass in der Health-App einrichten und mit der Funktion „Im Sperrzustand zeigen“ freigeben. Apple beschreibt ausdrücklich, dass Ersthelfende den Notfallpass dann auch bei gesperrtem Gerät über den Notfallbildschirm anzeigen können. Damit sind medizinische Basisdaten und Notfallkontakte besonders schnell verfügbar. (Apple Support)
Bei Android beziehungsweise auf Pixel-Geräten läuft dies über Notfallinformationen oder die App „Persönliche Sicherheit“. Google beschreibt, dass medizinische Daten und Notfallkontakte auf Wunsch auf dem Sperrbildschirm angezeigt werden können; außerdem lässt sich der Bereich über das Notfallmenü aufrufen. (Google Hilfe)
Die Stärke dieser integrierten Bordmittel liegt auf der Hand: Zugriff auch bei Bewusstlosigkeit, solange das Smartphone noch eingeschaltet ist. Die Schwäche liegt im offeneren Datenschutzmodell, weil die freigegebenen Daten grundsätzlich von jeder Person mit Zugriff auf das Gerät eingesehen werden können. Außerdem fehlt hier meist die direkte strukturierte Übernahme in rettungsdienstliche Dokumentationssysteme.
Scheck-Karte, QR-Code und digitale Notfallakte
Das kostenpflichtige Nothilfesystem verfolgt einen anderen Ansatz. Es kombiniert eine digitale Notfallakte mit einem Notfallausweis im Scheckkartenformat und QR-Code. Laut Anbieter stehen auf dem Ausweis bereits medizinische Basisdaten wie Vorerkrankungen, Allergien, Medikamente oder Blutgruppe; über den QR-Code lässt sich die digitale Notfallakte mit weiterführenden Informationen öffnen. Der Anbieter nennt außerdem ausdrücklich die Einbindung von Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung sowie eine ausdruckbare PDF-Notfallakte. (Das Nothilfesystem)
Der praktische Vorteil ist die Redundanz: Die Lösung funktioniert nicht nur über das Smartphone des Betroffenen, sondern auch über eine physische Karte. Damit bleibt im Notfall zumindest ein Zugangshinweis erhalten, auch wenn das Smartphone leer, defekt oder nicht auffindbar ist. Der Nachteil liegt eher darin, dass diese Art von Lösung weniger stark auf die direkte Integration in Rettungsdienstsoftware ausgerichtet ist als spezialisierte Wallet-/Rettungsdienstmodelle.
Weitere Lösungen
Notfall-ID
Notfall-ID kombiniert nach eigener Darstellung mehrere Bausteine: Notfallkarte im Scheckkartenformat, NFC, Online-Notfallpass, App und auf Wunsch auch Armband- oder Tag-Lösungen. Der Anbieter beschreibt, dass die Notfallkarte direkt Basisinformationen liefert und zugleich den Zugang zu einem detaillierten Online-Notfallpass eröffnet; zusätzlich wirbt Notfall-ID damit, dass ein Notfallpass-Widget beziehungsweise die App auch ohne Entsperren des Mobiltelefons wichtige Informationen anzeigen kann. (Notfall-ID)
Verglichen mit dem Nothilfesystem ist Notfall-ID damit noch stärker als Mehrkanal-Lösung gedacht: Karte, App, NFC und Online-Zugang greifen ineinander. Die Stärke liegt in der Flexibilität; die Schwäche ist ähnlich wie bei anderen privaten Lösungen, dass die konkrete rettungsdienstliche Integration in Leitstellen- oder Dokumentationssysteme nicht der Hauptfokus der Produktbeschreibung ist.
DGHS-Notfall-Ausweis
Die DGHS fokussiert stärker auf die Patientenverfügung. Laut DGHS erhalten Personen mit hinterlegter Verfügung einen Notfall-Ausweis und einen individuellen QR-Code; zusätzlich gibt es Aufkleber, etwa für die Gesundheitskarte. Die DGHS beschreibt, dass Ärzt:innen und Pflegepersonal per Smartphone direkt auf die hinterlegte Patientenverfügung zugreifen können. Nach aktuellem DGHS-Stand ist die Hinterlegung mit Notfall-Ausweis beziehungsweise QR-Code künftig an die Mitgliedschaft gebunden. (dghs.de)
Die Stärke dieser Lösung ist die klare Konzentration auf ein besonders wichtiges Dokument im Ernstfall. Die Schwäche ist zugleich die geringere Breite: Wer vor allem Medikamentenpläne, Allergien, Notfallkontakte und Dokumente in einer einzigen Oberfläche bündeln will, findet bei anderen Lösungen meist mehr allgemeine Notfalldatenfunktionen.
ePass Digital
ePass Digital ist ein weiterer Anbieter in diesem Feld. Er bietet eine digitale Vorsorgelösung mit Notfallkarte und QR-Code, über den Rettungskräfte im Notfall auf hinterlegte Informationen zugreifen können. Der Anbieter hebt außerdem hervor, dass Dokumente an einem Ort verwaltet und mit Angehörigen geteilt werden können. (ePass Digital)
Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht in der ePA hinterlegen
Für Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht ist die ePA besonders interessant, weil dort vollständige Dokumente hinterlegt werden können. Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt, dass Versicherte über die App ihrer Krankenkasse Dokumente hinzufügen können; Papierdokumente können dafür gescannt oder fotografiert und in die ePA übernommen werden. (gematik.de)
Für die präklinische Einsatzrealität muss man aber sauber unterscheiden: Die ePA ist ein guter Ablageort, aber heute noch nicht vollständig automatisch. Zudem ist der mobile Erstzugriff im Rettungswagen nicht gegeben. Die KBV weist ausdrücklich darauf hin, dass ein Zugang zur ePA aus dem RTW heraus derzeit technisch nicht möglich ist!
Zusammenfassung
Der ADAC-Notfallpass ist eine interessante Lösung, aber nicht die alleinige Musterlösung. Seine Stärke liegt vor allem in der Integration in rettungsdienstliche Software und im vergleichsweise geschützten Zugriff. iPhone- und Android-Bordmittel sind stark, wenn es um sofort sichtbare Basisinformationen bei Bewusstlosigkeit geht. Nothilfesystem, Notfall-ID und ähnliche Karten-/QR-Lösungen punkten mit Redundanz und einem physischen Fallback. DGHS ist besonders interessant, wenn die Patientenverfügung im Mittelpunkt steht. Und die ePA bleibt der naheliegende Ort für die vollständige digitale Ablage von Vorsorgedokumenten.
Fazit:. Schnell sichtbare Basisdaten, robuste Hinweise über ein Scheckkarte oder ein QR-Code und ergänzend die strukturierte Ablage von Vorsorgedokumenten. So entsteht aus mehreren einzelnen Bausteinen derzeit am ehesten eine funktionierende digitale Sicherheit im Notfall.

